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Freizeit-Kurier Nr. 451 vom 27.06.1998 von Günter Broscheit |
Gleich bei der Adria ums Eck erstreckt sich ein Fischerparadies - das Po-Delta. Hier kann man den Fisch seines Lebens fangen. Aber auch der Pauli wurde in den Po zurückgesetzt.
Fischer haben häufig einen Hänger. Das unterscheidet uns von anderen Freizeitbewegungen. Hobby-Fußballer, Skifahrer oder Orchideenzüchter haben Derartiges noch nie zugegeben. Der Hänger im Po war beachtlich. Selbst mit der starken Rute dauerte es Minuten, um ihn zu lösen und hochzubekommen.
"PAULI AM PO" VON GÜNTER BROSCHEIT
Aus etwa zehn Meter tiefe kurbelte mein Freund Peter Coeln einen armdicken Ast an die Oberfläche; bewohnt war das Hindernis, in dem sich der Haken verfangen hatte, von unzähligen Muscheln und Bachflohkrebsen. Das Leben im Po-Biotop kann demnach so schlecht nicht sein. Dabei galt der Fluss jahrzehntelang als der meistverschmutzte Europas.
Wir fischten im Po-Delta, etwa 15 Kilometer vor der Mündung, also nicht weit von den Adria-Stränden entfernt. Und wir saßen in einem Sechs-Meter-Boot mit Außenborder, Echolot und Fischruten, mit denen wir vermutlich auch einen kleinen Weißen Hai hätten fangen können.
Uns stand jedoch der Sinn nach großen Welsen.
Ob nun Welse, Hechte, Forellen, Lachse oder gar Störe, kein Weg war in den vergangenen Jahrzehnten zu weit. Zehn Grad minus oder 30 plus, lausige Biwaks, Gepäcksmärsche - jeweils am Ende der Welt. Dabei konnte verbürgt festgestellt werden, dass die Alaska-Spezialgelse jene in Kasachstan in Größe und Wirkung bei weitern übertrifft. Nach dieser oberflächlichen Schilderung der Hier-fange-ich-endlich-den-großen-Fisch-Expeditionen muss eines klar sein: Das ist Frauen nicht zumutbar. Damit ist das Argument, Fischen sei eine "Weg-von-der-Frau-Bewegung", endlich vom Tisch.
Und was Hochsee-Fischer auf ihren luxuriösen Yachten treiben, ist uns Süßwasserfischern nicht bekannt.
Wir saßen jedenfalls bei Sonnenschein auf dem Po. Keine Gelsen im Frühsommer, dafür düsten Schönheiten auf schnittigen Klein-Yachten vorbei. Kein Dauerregen, kein Sturm, keine Kälte. Bella Italia. Zwei Tage später sollte es anders werden. Regen, Sturm, Kälte. Wieder nichts für Frauen.
Seit vielen Jahren geistern die kapitalen Po-Welse in den Köpfen hiesiger Fischer herum.
Seit etwa vier Jahren geistern die Po-Welse in den Köpfen hiesiger Fischer herum. Ausländische Fachzeitschriften berichteten über gefangene Monster, bis sich endlich einige mutige Österreicher aufmachten, um der Sache auf den Grund zu gehen.
Ihre fischereiliche Rückmeldung war positiv, negativ hingegen die damalige Infrastruktur. Keine Wohnmöglichkeiten am Fluss, weite Anfahrtswege, keine Mietboote, keine einheimischen Auskenner und Ratgeber. Da hatten wir es leichter. Seit heuer gibt es ein Fischercamp integriert in einem Freizeitzentrum mit Pool und Yachthafen direkt am Fluss. Es trägt den wunderschönen Namen "Wallerparadies" und wird von österreichischen Spezialisten geführt.
Ob nun Waller oder Wels, gefangen musste einer werden. Ein wirklich großer. Und das war so: mittelschwerer Regen, abgelöst von Sonnenschein, leichter Wellengang. Wir ließen uns von der Strömung treiben, beobachteten mit dem Echolot die jeweilige Tiefe, fischten kurz über Grund, fünf bis 20 Meter tief. Köder waren etwa dreißig Zentimeter lange Aale, die von einem faustdicken Schwimmer und entsprechender Schnur, Rute und Rolle gehalten wurden.
Wir waren ziemlich locker unterwegs. Tags zuvor hatte mein Freund einen 33-Kilo-Wels gefangen - und wieder zurückgesetzt. Donnerstag, gegen 14 Uhr, kam mein Biss. Nach dem Anschlag schwamm der Fisch noch ahnungslos stromaufwärts dem Fischer entgegen. Beiderseitig keine Panik. Fünf Minuten später ahnten beide, dass sich hier etwas Gröberes abspielen wird.
Nach 30 Minuten leichte Konditionsmängel beim Fischer. Dann zehn Minuten Großpanik, weil der Fisch Dinge tat, die nur Menschen mit Hänger-Kenntnissen nachvollziehen können. Der Rest ist schnell erzählt. Nach rund einer Stunde zeigte sich der Wels an der Oberfläche.
Die Frage war: Wie kommt der Fisch ins Boot, unverletzt? Dazu braucht man a) Handschuhe, b) viel Mut und Geschick, c) enorme Kraft. Peter Coeln setzte den sogenannten Wallergriff mit beiden Händen korrekt am Unterkiefer an und zog das sich wehrende zwei Meter und zwei Zentimeter lange Monster kniend irgendwie über die Bordkante: Aug um Aug.
Hernach brachten wir den rund 65 Kilogramm schweren Fisch ans Ufer, lösten den Haken, maßen und fotografierten ihn, und ständig wurde er dabei mit Wasser begossen. Als ich ihn ins Wasser zurückschob, erhielt er seinen Namen: Paul. Nach rund zwei Minuten des Verharrens am Ufer hieß er bereits Pauli und verschwand mit einem mächtigen Schwanzschlag
Das "Wallerparadies" in Porto Viro bietet mehrere Appartements an. Dazu Boote mit führerscheinfreien Außenbordern, Echolot, Leihausrüstung, Köder. Österreichische Führer kümmern sich um alles.
